Webdesign-Inspiration: wo du sie findest und wie du sie liest
Acht kuratierte Galerien von siteinspire bis Typewolf, jede mit dem, wofür sie taugt. Dazu fünf Fragen, die aus einer schönen Seite ein Muster machen.
Die kurze Antwort: Die brauchbaren Quellen für Webdesign-Inspiration sind kuratierte Galerien, nicht Pinterest. Acht davon stehen gleich unten, jeweils mit dem, wofür sie wirklich taugt. Der wichtigere Teil kommt danach: worauf du an einer fremden Seite schaust, damit aus dem Anschauen etwas wird, das du bei dir einsetzen kannst.
Die Quellen
Acht Galerien, und wofür jede einzelne taugt
Sie sammeln alle gute Seiten, aber nicht dieselben. Das ist der Unterschied, der zählt.
siteinspire„A showcase of the web’s finest design + talent“. Die beste Suche im Feld: Filter nach Stil (typografisch, minimal, Raster, ungewöhnliches Layout), nach Seitentyp, nach Branche und nach Plattform. Hier fängst du an, wenn du gezielt etwas suchst.
GodlyDie Adresse für aufwendige, bewegte Seiten. Nützlicher als die Startseite sind die Rubriken daneben: Godly sortiert Hero-Bereiche, Call-to-Actions, Footer, Logos und OG-Bilder getrennt. Genau so willst du suchen, wenn du an einem einzelnen Bauteil sitzt.
Curated.design„Handpicked websites worth studying. A growing gallery of live sites, sorted by industry and style.“ Sortiert nach Branche, und genau das können die meisten anderen nicht.
LandingfolioLandingpages, sortiert nach Branche und Seitentyp, dazu einzelne Bausteine. Der richtige Fundus, wenn deine Seite zu einer Anfrage führen soll und nicht nur informieren.
One Page Love„One Page websites, curated“, nach eigener Zählung 9.108 Seiten und 8.928 Abschnitts-Beispiele, handverlesen seit 2008. Die einzige Sammlung, die deinen Fall genau trifft, wenn eine Seite reicht.
Minimal Gallery„For the love of beautiful & functional websites“. Ruhige, reduzierte Seiten mit Filtern von Portfolio über Agentur bis E-Commerce. Die Adresse, wenn dir alles andere zu laut ist.
Httpster„Website design inspiration“, 3.116 Seiten zum Zeitpunkt des Abrufs. Der ungeputzte Gegenentwurf: rauer, häufiger von kleinen Studios, weniger Hochglanz.
AwwwardsZeichnet „the best developers, designers and web agencies in the world“ aus und vergibt Punkte. Technisch beeindruckend, gestalterisch oft am Anschlag. Zum Staunen gut, zum Abgucken selten.Zwei Spezialisten noch, weil sie Fragen beantworten, an denen die Galerien vorbeigehen. Mobbin hat nach eigener Angabe über 400.000 durchsuchbare Screenshots aus Apps und Web-Apps, also echte Abläufe statt Startseiten: die Quelle, wenn du wissen willst, wie andere ein Formular über drei Schritte führen. Und Typewolf zeigt Schriften „in the wild", samt der Kombination, in der sie tatsächlich benutzt werden. Wenn du an einer Schriftwahl hängst, hilft das mehr als jede Galerie.
Alle Angaben von den Seiten selbst, abgerufen am 2. September 2026.
Entwürfe
Pinterest und Dribbble zeigen Entwürfe, keine Websites
Google schlägt beim Tippen von „webdesign inspiration" von selbst „pinterest" vor. Verständlich, und trotzdem der schwächste Weg. Für Dribbble gilt dasselbe, aus demselben Grund.
Auf beiden landen überwiegend Entwürfe, keine Websites. Ein Bild zeigt einen Ausschnitt in perfekter Auflösung, mit Blindtext, ohne Handy-Ansicht, ohne Ladezeit und ohne die Frage, was passiert, wenn die Überschrift statt vier Wörtern elf hat. Viele dieser Entwürfe wurden nie gebaut. Du verliebst dich also in etwas, das keine Belastungsprobe bestanden hat.
Bei Dribbble kommt ein zweiter Effekt dazu. Dort wird für andere Designer gepostet, nicht für Kunden, und belohnt wird, was schon im Vorschaubild auffällt. Das erzeugt eine eigene Ästhetik: viel Schatten, viel Perspektive, wenig Text, nie ein Impressum. Als Formensprache anregend, als Bauplan unbrauchbar.
Das lässt sich überprüfen: In einer Galerie kannst du die Seite aufrufen, scrollen und das Handy in die Hand nehmen. Mach das. Ein guter Teil der Begeisterung überlebt den ersten Handy-Test nicht, und das ist eine nützliche Information.
Der blinde Fleck
Galerien zeigen im Wesentlichen eine Branche
Sieh dir an, was in den Sammlungen steht. Bei siteinspire ist „Agenturen & Beratungen" die größte Kategorie mit 2.376 Einträgen. Bei Godly, Awwwards und Httpster sieht es ähnlich aus: Agenturen, Portfolios, Modemarken, Studios.
Diese Seiten haben eine andere Aufgabe als deine. Eine Agenturseite muss beweisen, dass die Agentur gestalten kann. Deshalb darf sie langsam einblenden, mit einem Vollbild ohne Text starten und ihre Navigation verstecken. Das gehört zu ihrer Aufgabe.
Bei einer Fahrschule, einer Werkstatt oder einem Catering liegt die Aufgabe genau andersherum. Ich habe mir im August zwölf Fahrschul-Websites im Leipziger Umland angesehen. Kein einziger dieser Betriebe hatte ein Gestaltungsproblem. Elf von zwölf nannten keine Preise, acht hatten keine Telefonnummer, die man auf dem Handy antippen kann, drei hatten überhaupt keine funktionierende Seite mehr. Eine preisgekrönte Optik hätte davon nichts geheilt.
Wer Muster aus der Agentur-Welt ungeprüft auf einen Betrieb überträgt, bekommt genau das: eine Seite, die im Screenshot gut aussieht und die Frage nicht beantwortet, mit der jeder Besucher gekommen ist.
Hinschauen
Ein Muster lesen statt es abmalen
Wenn dir eine Seite gefällt, hilft es wenig, sich zu merken „so ähnlich, aber in Grün". Brauchbar wird es, wenn du die Entscheidung dahinter freilegst. Fünf Fragen reichen dafür:
- Was habe ich als Erstes verstanden? Nicht was ich gesehen habe, sondern was ich verstanden habe. Meistens ist das ein Satz, kein Bild.
- Was soll ich hier tun, und wie oft wird es mir angeboten? Zähl die Handlungsaufforderungen. Gute Seiten haben eine, die mehrfach wiederkommt, nicht fünf verschiedene.
- In welcher Reihenfolge kommen die Abschnitte, und warum diese? Schreib die Abschnitte als Liste untereinander. Diese Liste ist das eigentliche Muster, alles andere ist Oberfläche.
- Was fehlt, das ich erwartet hätte? Weggelassenes ist immer eine Entscheidung und meistens die mutigere.
- Was funktioniert nur, weil diese Firma diese Firma ist? Das ist der Teil, den du nicht mitnehmen kannst.
Die Antwort auf Frage 3 ist die wertvollste. Reihenfolgen lassen sich übertragen, Farbwelten selten und Animationen fast nie.
Übersetzen
Was sich überträgt und was nicht
Übertragbar sind Struktur und Prinzip: in welcher Reihenfolge die Abschnitte kommen, wie viel Luft zwischen zwei Blöcken liegt, ob Preise vor oder nach den Leistungen stehen, an welcher Stelle ein Beleg für Vertrauen sitzt. Dahinter stehen Wahrnehmungsregeln, die in jeder Branche gleich funktionieren; welche das sind, steht in den Gestaltungsgesetzen, und wie sich daraus eine Startseite ergibt, im Beitrag zur Struktur einer Webseite.
Nicht übertragbar ist alles, was an Ressourcen hängt: professionelle Fotostrecken, aufwendige Bewegung, eigens gezeichnete Illustrationen. Und alles, was an Bekanntheit hängt. Eine Marke, die jeder kennt, darf ihre Startseite auf ein einziges Wort reduzieren. Du nicht, weil bei dir die Frage „wer ist das überhaupt" noch offen ist. Ob ein Muster darüber hinaus ein Trend ist, den man mitmachen sollte, ist eine eigene Frage: dazu wann du Trends folgst und wann nicht.
Ein Beleg aus dem eigenen Haus. Ich habe dieselbe Fahrschul-Seite in vier Handschriften gebaut: zurückhaltend, hochwertig, verspielt und laut. Inhalt, Reihenfolge der Abschnitte und Funktionen sind in allen vier identisch. Unterschiedlich sind Schrift, Farbe und Tonfall. Genau diese Trennung ist gemeint, wenn hier von Muster statt Optik die Rede ist, und man sieht an den vier Seiten auch, wie weit man den Stil drehen kann, ohne die Struktur anzufassen.
Vor der Haustür
Die Quelle, die kaum jemand nutzt
Bevor du dich durch Galerien klickst, sieh dir die drei Betriebe an, die bei dir am Ort dasselbe machen wie du. Und zwar mit einer einzigen Frage im Kopf: Was lassen alle drei weg?
In der Fahrschul-Stichprobe war das die Preisfrage. Fast keiner beantwortet sie, und Google schlägt beim Tippen von „fahrschule leipzig" von selbst „preise" und „günstig" vor. Die Betriebe schweigen also genau dort, wo gesucht wird. Eine Lücke, die alle in deiner Nachbarschaft haben, ist für dich mehr wert als jedes preisgekrönte Layout, weil sie dich von den drei Anbietern unterscheidet, mit denen du tatsächlich verglichen wirst.
Und wenn sich am Ende etwas herauskristallisiert, das trägt, dann halte es schriftlich fest, statt es bei jeder neuen Seite neu zu entscheiden. Dafür gibt es den Styleguide.
Fazit
Schau dir viel an, aber schau anders hin. Nicht „gefällt mir", sondern „warum steht das hier und nicht weiter unten". Die Galerien sind gut darin, dir Möglichkeiten zu zeigen, und schlecht darin, dir zu sagen, welche davon zu deinem Fall passt. Diese Übersetzung bleibt Arbeit, und sie ist der Teil, der am Ende den Unterschied macht.
Wenn du sie nicht selbst machen willst: So arbeite ich.
Häufige Fragen
Was sind die besten Seiten für Webdesign-Inspiration?
Kuratierte Galerien statt Bilderfeeds. siteinspire, wenn du nach Stil, Seitentyp und Branche filtern willst; Godly für aufwendige Seiten und für einzelne Bauteile wie Hero, Footer oder Call-to-Action; Curated.design und Landingfolio, wenn du nach Branche suchst; One Page Love für Onepager; Minimal Gallery für Reduziertes; Awwwards und Httpster für den Blick über den Tellerrand. Dazu Mobbin für App- und Formularabläufe und Typewolf für Schriftkombinationen.
Sind Pinterest und Dribbble für Webdesign-Inspiration geeignet?
Nur eingeschränkt. Auf beiden stehen überwiegend Entwürfe statt gebauter Websites: perfekt ausgeleuchtete Ausschnitte mit Blindtext, ohne Handy-Ansicht, ohne Ladezeit. In einer Galerie kannst du die Seite dagegen aufrufen, scrollen und auf dem Handy prüfen, ob das Muster hält.
Warum sehen so viele Seiten in Inspirationsgalerien gleich aus?
Weil sie aus derselben Ecke kommen. Bei siteinspire ist „Agenturen & Beratungen" die größte Kategorie, und auch sonst dominieren Agenturen, Portfolios und Modemarken. Diese Seiten müssen vor allem gestalterisches Können beweisen, was zu ähnlichen Lösungen führt: großes Bild, wenig Text, viel Bewegung.
Was übernehme ich von einer Website, die mir gefällt?
Die Struktur, nicht die Oberfläche. Schreib die Abschnitte in ihrer Reihenfolge untereinander, das ist das eigentliche Muster. Reihenfolgen und Abstände lassen sich übertragen, Farbwelten selten, Animationen fast nie, und alles, was an teuren Fotos oder an Bekanntheit hängt, gar nicht.
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